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Helm abnehmen bei Motorradunfall: Was Ersthelfer wirklich tun sollten

Helm abnehmen bei Motorradunfall Ersthelfer nimmt einem bewusstlosen Motorradfahrer nach einem Unfall vorsichtig den Helm ab, um Atemwege und Atmung zu kontrollieren.

Kurze Antwort

Helm abnehmen bei Motorradunfall:
Bei einem bewusstlosen Motorradfahrer muss der Helm vorsichtig abgenommen werden. Nur so können Ersthelfer die Atmung sicher prüfen, die Atemwege freihalten, die stabile Seitenlage durchführen oder bei fehlender normaler Atmung mit der Wiederbelebung beginnen. [1] [2]

 

Nach einem Motorradunfall haben viele Ersthelfer Angst, etwas falsch zu machen. Besonders häufig ist die Sorge: „Wenn ich den Helm abnehme, verletze ich vielleicht die Halswirbelsäule.“ Diese Sorge ist nachvollziehbar. Trotzdem gilt bei einem bewusstlosen Motorradfahrer eine klare Erste-Hilfe-Regel: Der Helm muss runter, aber vorsichtig, ruhig und möglichst zu zweit. [1] [2]

Der wichtigste Leitsatz

Bei Bewusstlosigkeit ist der freie Atemweg wichtiger als der verbleibende Helm: Der Helm muss vorsichtig abgenommen werden, damit Atmung, Atemwege und lebensrettende Maßnahmen möglich sind.

 

Warum der Helm bei Bewusstlosigkeit abgenommen werden muss

Bewusstlosigkeit ist in der Ersten Hilfe immer ein Warnsignal. Die Muskulatur erschlafft, die Zunge kann zurückfallen und die Atemwege verlegen. Zusätzlich können Blut, Speichel, Erbrochenes oder Fremdkörper im Mund-Rachen-Raum die Atmung behindern. Eine bewusstlose Person, die noch atmet, darf deshalb nicht einfach auf dem Rücken liegen bleiben, weil sie an einer Atemwegsverlegung ersticken kann. [1]

Genau hier wird der Helm zum Problem. Solange er auf dem Kopf bleibt, sind Atemkontrolle, Freimachen der Atemwege, stabile Seitenlage und Beatmung nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Die DGUV beschreibt deshalb ausdrücklich: Ist ein verunglückter Motorradfahrer ohne Bewusstsein, muss der Helm wegen akuter Erstickungsgefahr vorsichtig abgenommen werden. [1]

Auch das Deutsche Rote Kreuz formuliert eindeutig, dass die Helmabnahme bei einem bewusstlosen Motorradfahrer notwendig ist, weil erst danach eine sachgerechte Lagerung, insbesondere die stabile Seitenlage bei vorhandener Atmung, möglich ist. [2]

Der häufigste Irrtum: „Den Helm darf man nie abnehmen“

Der Satz „Den Helm niemals abnehmen“ ist in dieser pauschalen Form falsch. Richtig ist: Eine mögliche Verletzung der Halswirbelsäule muss ernst genommen werden. Deshalb soll die Helmabnahme langsam, kontrolliert und möglichst mit Stabilisierung von Kopf und Hals erfolgen. Falsch wäre aber, aus Angst vor einer möglichen Halswirbelsäulenverletzung die Atemwege nicht zu sichern.

Das Institut für Zweiradsicherheit beschreibt diesen Irrtum bereits seit Jahren und verweist darauf, dass seit 1984 Einigkeit darüber besteht, dass der Helm bei einem bewusstlosen Motorradfahrer abzunehmen ist. Das Risiko, im Helm zu ersticken, wird dort größer bewertet als das Verletzungsrisiko durch eine vorsichtige Helmabnahme. [3]

Wichtig

Die Aussage gilt für bewusstlose oder nicht ansprechbare Motorradfahrer. Ist die Person wach, klar ansprechbar und atmet normal, wird der Helm nicht gegen ihren Willen abgenommen. Dann steht zunächst Betreuen, Beruhigen, möglichst wenig Bewegen und der Notruf 112 im Vordergrund.

 

Was sagen Leitlinien zur Halswirbelsäule?

Moderne Erste-Hilfe- und Traumaleitlinien nehmen die Halswirbelsäule ernst. Die European Resuscitation Council First Aid Guidelines empfehlen bei Verdacht auf eine Halswirbelsäulenverletzung keine routinemäßige Halskrause durch Ersthelfer. Wache und klare Betroffene sollen ihre Halsposition möglichst selbst stabil halten. Bei bewusstlosen oder nicht kooperativen Personen kann eine manuelle Stabilisierung von Kopf und Hals erwogen werden. [4]

Die S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung beschreibt ebenfalls, dass bei der Rettung und Versorgung von Unfallverletzten die Halswirbelsäule möglichst geschont werden soll. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sich die Maßnahmen am Zustand des Patienten orientieren und bei akuter Lebensgefahr, zum Beispiel Reanimationspflichtigkeit, eine sofortige Rettung ohne vorherige vollständige Immobilisation möglich ist. [5]

Für Ersthelfer bedeutet das praktisch: Kopf und Hals so wenig wie möglich bewegen, aber lebensrettende Maßnahmen nicht aufschieben. Atemweg und Atmung haben bei Bewusstlosigkeit Vorrang.

Was sagen Studien zur Helmabnahme?

Die wissenschaftliche Studienlage zur Helmabnahme beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie viel Bewegung an der Halswirbelsäule während der Abnahme entsteht und welche Technik möglichst schonend ist.

Studie von Aprahamian et al. 1984

Eine frühe Arbeit von Aprahamian, Thompson und Darin aus dem Jahr 1984 untersuchte Helmabnahmetechniken an einem Kadavermodell bei angenommener Halswirbelsäulenverletzung. Diese Arbeit ist deshalb historisch wichtig, weil sie zeigt, dass die Frage der sicheren Helmabnahme bereits seit Jahrzehnten fachlich bearbeitet wird. [6]

Biomechanische Analyse 2017

Eine biomechanische Simulationsstudie aus dem Jahr 2017 untersuchte die Halswirbelsäulenbewegung bei der Motorradhelmabnahme durch 34 Fachkräfte aus Notfall- und Rettungsdienst. Gemessen wurden unter anderem Rotation, Flexion, Extension und seitliche Bewegungen. Die mittlere Flexion lag bei 9,82 Grad, die mittlere Extension bei 6,23 Grad, die durchschnittliche Dauer der Helmabnahme bei 70 Sekunden. [7]

Das Ergebnis ist für Ersthelfer wichtig: Eine Helmabnahme verursacht Bewegung. Deshalb sollte sie kontrolliert, langsam und möglichst zu zweit durchgeführt werden. Die Studie spricht aber nicht dafür, den Helm bei Bewusstlosigkeit aufzulassen. Sie zeigt vielmehr, warum eine saubere Technik wichtig ist.

Vergleich zweier Techniken 2023

Eine weitere Simulationsstudie aus dem Jahr 2023 verglich zwei Helmabnahmetechniken. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der gemessenen Halswirbelsäulenfehlstellung zwischen den Techniken. Die kontinuierliche Zugtechnik war jedoch schneller als die sogenannte Saw-teeth-Technik. Die Studie kann keine Technik eindeutig als überlegen bewerten. [8]

Wichtig: Der Helm schützt beim Unfall

Die Helmabnahme nach dem Unfall darf nicht mit der Schutzwirkung des Helms während der Fahrt verwechselt werden. Motorradhelme reduzieren nach der Cochrane-Übersicht das Risiko für Kopfverletzungen und Todesfälle deutlich. Die Frage ist also nicht, ob Helme sinnvoll sind. Sie sind sinnvoll. Die Frage ist, was nach einem Unfall bei Bewusstlosigkeit medizinisch notwendig ist. [9]

Wann muss der Helm abgenommen werden?

Der Helm muss abgenommen werden, wenn der Motorradfahrer bewusstlos, nicht ansprechbar oder nicht sicher beurteilbar ist. In dieser Situation müssen Atemwege und Atmung kontrolliert werden können. [1] [2]

Das gilt auch für Klapphelme. Ein hochgeklapptes Kinnteil reicht bei Bewusstlosigkeit nicht zuverlässig aus, weil eine korrekte Atemspende und eine stabile Seitenlage nur nach vollständiger Abnahme möglich sind. [3]

Merke

Nicht die Helmform entscheidet, sondern der Zustand der betroffenen Person. Bewusstlos oder nicht ansprechbar bedeutet: Helm vorsichtig abnehmen, Atmung prüfen, weiter handeln.

 

Wann bleibt der Helm zunächst auf?

Ist der Motorradfahrer wach, klar ansprechbar und atmet normal, bleibt der Helm zunächst auf, wenn die betroffene Person ihn nicht selbst abnehmen möchte. In dieser Situation sollten Ersthelfer beruhigen, den Notruf 112 veranlassen, unnötige Bewegungen vermeiden und die Person beobachten.

Wenn die Person selbst den Helm abnehmen möchte, kann sie dabei unterstützt werden. Treten Nackenschmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Lähmungen, starke Benommenheit oder Atemprobleme auf, sollte die betroffene Person sich möglichst wenig bewegen und der Rettungsdienst sofort informiert werden.

Schritt für Schritt: Helmabnahme bei Bewusstlosigkeit

1. Unfallstelle sichern

Achten Sie zuerst auf Eigenschutz. Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen, Unfallstelle absichern und sich selbst nicht in Gefahr bringen. Danach nähern Sie sich der verletzten Person.

2. Bewusstsein prüfen

Sprechen Sie die Person laut an: „Hallo, können Sie mich hören?“ Reagiert die Person nicht, rufen Sie gezielt um Hilfe. Sagen Sie zum Beispiel: „Sie mit der blauen Jacke, rufen Sie bitte sofort 112.“

3. Helm möglichst zu zweit abnehmen

Die DGUV und das DRK beschreiben die Helmabnahme bevorzugt mit zwei Helfenden. Eine Person kniet am Kopfende und stabilisiert zunächst Helm und Kopf. Die zweite Person öffnet das Visier, löst den Kinnriemen und entfernt, wenn möglich, eine Brille oder störende Teile. [1] [2]

Danach übernimmt die zweite Person die Stabilisierung von Kopf und Hals, während die erste Person den Helm langsam und vorsichtig abzieht. Der Helm wird dabei kontrolliert über die Nase geführt. Wichtig ist, dass der Kopf nicht plötzlich nach hinten fällt oder zur Seite kippt. [2]

4. Helmabnahme allein, wenn niemand hilft

Wenn Sie allein sind, darf die Helmabnahme bei Bewusstlosigkeit trotzdem nicht grundsätzlich unterlassen werden. Öffnen Sie Visier und Kinnriemen, entfernen Sie möglichst eine Brille und ziehen Sie den Helm langsam und vorsichtig ab. Achten Sie besonders darauf, dass der Kopf der verletzten Person nicht unkontrolliert auf den Boden fällt. [1]

5. Atmung prüfen

Nach der Helmabnahme prüfen Sie sofort die Atmung. Öffnen Sie vorsichtig die Atemwege und prüfen Sie höchstens zehn Sekunden, ob normale Atmung vorhanden ist. Achten Sie auf Brustkorbbewegungen, Atemgeräusche und fühlbare Atemluft. [1]

6. Wenn normale Atmung vorhanden ist

Atmet die Person normal, bringen Sie sie vorsichtig in die stabile Seitenlage. Ziel ist, dass die Atemwege frei bleiben und Flüssigkeit aus dem Mund ablaufen kann. Kontrollieren Sie die Atmung regelmäßig bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. [1] [2]

7. Wenn keine normale Atmung vorhanden ist

Ist keine normale Atmung vorhanden oder sind Sie unsicher, beginnen Sie sofort mit der Wiederbelebung. Drücken Sie kräftig und schnell in der Mitte des Brustkorbs. Wenn Sie Beatmungen gelernt haben und sich dazu in der Lage fühlen, führen Sie 30 Herzdruckmassagen und 2 Beatmungen im Wechsel durch. Wenn Sie nicht beatmen können oder wollen, führen Sie durchgehend Herzdruckmassagen durch. Lassen Sie, wenn möglich, einen AED holen und folgen Sie den Anweisungen des Geräts sowie der Leitstelle.

Was Ersthelfer vermeiden sollten

  • Den Helm bei Bewusstlosigkeit aus Angst grundsätzlich auf dem Kopf lassen.
  • Den Helm ruckartig oder hektisch abziehen.
  • Den Kopf nach der Helmabnahme unkontrolliert fallen lassen.
  • Einen Klapphelm nur hochklappen und dann auf dem Kopf lassen.
  • Bei einer bewusstlosen Person die Atmung nicht oder zu lange prüfen.
  • Bei fehlender normaler Atmung mit der Wiederbelebung warten.

Warum Warten gefährlich sein kann

Bei Bewusstlosigkeit kann sich der Zustand schnell verschlechtern. Wenn die Atemwege verlegt sind oder keine normale Atmung vorhanden ist, entsteht Sauerstoffmangel. Das Gehirn reagiert darauf besonders empfindlich. Deshalb ist es keine sichere Option, bei einem bewusstlosen Motorradfahrer nur auf den Rettungsdienst zu warten, wenn der Helm Atemkontrolle und Atemwegsfreihaltung verhindert.

Der Notruf 112 muss sofort abgesetzt werden. Bis professionelle Hilfe eintrifft, entscheiden aber die ersten Maßnahmen der Ersthelfer darüber, ob Atmung, Kreislauf und Sauerstoffversorgung erhalten bleiben.

Fazit

Bei einem bewusstlosen Motorradfahrer ist die Helmabnahme eine notwendige Erste-Hilfe-Maßnahme. Sie ermöglicht die Kontrolle der Atmung, die Freihaltung der Atemwege, die stabile Seitenlage und im Ernstfall die Wiederbelebung. [1] [2]

Die Halswirbelsäule soll dabei so gut wie möglich geschont werden. Deshalb gilt: möglichst zu zweit, langsam, kontrolliert und mit Stabilisierung von Kopf und Hals. Gleichzeitig darf die Sorge vor einer möglichen Halswirbelsäulenverletzung nicht dazu führen, dass lebensrettende Maßnahmen unterbleiben.

Die wichtigste Botschaft: Bei Bewusstlosigkeit darf der Helm nicht zum Hindernis für lebensrettende Erste Hilfe werden.

 

Häufige Fragen zur Helmabnahme

Muss der Helm bei einem bewusstlosen Motorradfahrer wirklich abgenommen werden?

Ja. Bei Bewusstlosigkeit muss der Helm vorsichtig abgenommen werden, damit Atmung, Atemwege, stabile Seitenlage und gegebenenfalls Wiederbelebung möglich sind. [1] [2]

Was ist, wenn ich Angst vor einer Halswirbelsäulenverletzung habe?

Diese Sorge ist verständlich. Deshalb soll die Helmabnahme möglichst langsam, zu zweit und mit Stabilisierung von Kopf und Hals erfolgen. Nicht zu handeln ist bei Bewusstlosigkeit aber gefährlicher, weil Atemwege und Atmung nicht sicher beurteilt werden können.

Darf ich den Helm auch allein abnehmen?

Ja, wenn niemand hilft und die Person bewusstlos ist. Die DGUV beschreibt ausdrücklich, dass der Helm notfalls auch von einer Person allein abgenommen werden kann. [1]

Reicht es bei einem Klapphelm, das Kinnteil hochzuklappen?

Nein. Auch ein Klapphelm muss bei einem bewusstlosen Motorradfahrer komplett abgenommen werden, weil nur so eine korrekte Atemspende und eine stabile Seitenlage möglich sind. [3]

Was mache ich nach der Helmabnahme?

Prüfen Sie sofort die Atmung. Bei normaler Atmung: stabile Seitenlage und regelmäßige Kontrolle. Bei fehlender normaler Atmung: sofort Wiederbelebung beginnen und einen AED einsetzen, sobald verfügbar.

Quellen

  1. DGUV Information 204-007: Handbuch zur Ersten Hilfe, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Ausgabe März 2023.
  2. Deutsches Rotes Kreuz: Helm abnehmen beim Verkehrsunfall.
  3. Institut für Zweiradsicherheit: Die geläufigsten Irrtümer bezüglich der Ersten Hilfe, Matthias Haasper, Stand 11/2009.
  4. European Resuscitation Council: European Resuscitation Council Guidelines 2021: First Aid, Resuscitation, 2021.
  5. AWMF: S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung, AWMF-Registernummer 187-023, Version 5.0.
  6. Aprahamian C., Thompson B. M., Darin J. C.: Recommended helmet removal techniques in a cervical spine injured patient, Journal of Trauma, 1984.
  7. Gordillo Martín R. et al.: Biomechanical analysis of cervical spine movement on removal of motorcycle helmets, Emergencias, 2017.
  8. Nicolás Carrillo A. et al.: Biomechanical analysis of movements during removal of helmets from motorcycle riders: a comparative study of the efficacy of 2 techniques, Emergencias, 2023.
  9. Cochrane: Helmets are shown to reduce motorcyclist head injury and death, Cochrane Review, 2008.

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